Deutschsprachige Abstracts der aktuellen Ausgabe der ZParl

 

Loewenberg, Gerhard: Der Bundestag im 21. Jahrhundert: Deutscher Parlamentarismus auf einem neuen Pfad.

Die Wiederbelebung des deutschen Parlamentarismus in der Mitte des 20. Jahrhunderts zeigt angesichts seiner historisch tragischen Diskontinuität, dass die institutionelle Entwicklung nicht notwendigerweise pfadabhängig ist. Kontingente Faktoren prägten die Wiederbelebung: Die Politik der Militärgouverneure in Westdeutschland, die die Wiederherstellung der deutschen Selbstverwaltung ermutigten, vier politischen Parteien genehmigten und ein von der Weimarer Verfassung deutlich abweichendes Grundgesetz verkündeten. Das neue Parlament mit nur drei effektiven Fraktionen entwickelte Praktiken, die durch eine professionalisierte Parteiführung geprägt wurden. Als beginnend in den 1980er Jahren neue Parteien in den Bundestag einzogen, war es für sie von Vorteil, diese Praktiken zu akzeptieren. So weicht der Bundestag im 21. Jahrhundert deutlich von dem Weg des deutschen Parlamentarismus vor 1933 ab. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 713 – 718]

 

BuchsteinHubertus: Funktionsbedingungen des Parlamentarismus. Otto Kirchheimers Überlegungen zum Parlamentarismus während seines Pariser und New Yorker Exils (1933 bis 1943).

Der junge Otto Kirchheimergilt als einer der schärfsten linken Kritiker des Parlamentarismus der Weimarer Republik. Der Aufsatz geht Kirchheimers weniger bekannten Überlegungen zum Parlamentarismus in seinen Schriften während seines Pariser und New Yorker Exils in den Jahren 1933 bis 1945 nach. Darin bekennt sich Kirchheimer einerseits uneingeschränkt zum modernen Parlamentarismus als politischem Integrationsinstrument im Sinne seines ehemaligen Mentors Rudolf Smend. Anderseits stellt er aber auch die prekären sozialen, institutionellen und kulturellen Voraussetzungen für einen funktionierenden Parlamentarismus heraus. Angesichts der wachsenden Kompetenz der politischen Exekutiven in westlichen Demokratien setzt Kirchheimer in seinen Exilschriften seine Hoffnungen auf eine Stärkung der demokratischen Öffentlichkeit. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 718 – 729]

 

SchultzeRainer-OlafRealignment oder das Ende normaler Politik? Wahlen und der Wandel des historisch-politischen Kontextes.

Wahlen sind ein ubiquitäres Phänomen. Sie finden statt unter verschiedenartigsten gesellschaftlichen wie politischen Herrschaftsverhältnissen und sind infolgedessen in besonderer Weise kontextdefiniert. Der Beitrag fragt nach der Bedeutung des historisch-politischen Kontextes und seines Wandels für Wahlen und Wahlprozess: Analytisch und in fünf Thesen mit Überlegungen zum Zusammenhang von Wahlen und Kontextwandel in liberalen Demokratien im Allgemeinen und empirisch-diachron mit Hinweisenzum Wandel anhand des deutschen Fallbeispiels im Besonderen. Im Zentrum steht die Interpretation des sich seit geraumer Zeit auch in Deutschland vollziehenden sozio-politischen Kontextwandels in seinen Folgewirkungen auf Wahlprozess, Wählerverhalten und Parteiensystem im Spannungsfeld von Stabilität und Wandel, von „normaler Politik“ und Realignment. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 729 – 743]

 

ZehWolfgang: Abgeordnetenzahl im Parlament – zu groß, zu klein, gerade richtig?

Nach den Wahlen 2017 besteht der Bundestag aus 709 Abgeordneten. Diese Zahl wird in der öffentlichen Meinung als zu hoch kritisiert. Der Beitrag sucht nach Kriterien zur Bestimmung einer „richtigen“ Mitgliederzahl von Parlamenten in gegebenen politischen Systemen. Dafür werden Vergleiche mit Parlamenten in der deutschen Geschichte sowie mit Parlamenten anderer Staaten herangezogen, die Aufgaben des Parlaments in einer pluralistischen Gesellschaft thematisiert und die relativen Kosten des Parlaments im Haushalt des Staates dargestellt. Im Ergebnis lassen sich keine rationalen Kriterien finden, mit denen eine bestimmte Mitgliederzahl begründet werden könnte. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 744 – 756]

 

Sturm, Roland: Institutionenreform schwer gemacht – die Reformresistenz Zweiter Kammern.

Wir erleben ein Paradox. In der Literatur ist man sich schnell einig, dass Zweite Kammern meist unbedeutend sind oder sogar demokratisch fragwürdig. In Irland, Italien, Kanada und dem Vereinigten Königreich bestand eine Bereitschaft der Politik, die jeweilige Zweite Kammer grundlegend zu reformieren oder gar abzuschaffen. In Irland und Italien war es das Volk, das eine Abschaffung der „alten“ Zweiten Kammer verhinderte, in Kanada blockierten Richter eine grundlegende Reform und in Großbritannien die Uneinigkeit der Parteien über die Gestalt des neuen Oberhauses. Die institutionelle Resilienz Zweiter Kammern wird in der wissenschaftlichen Diskussion unterschätzt. Zweite Kammern können sich auch unter der Wahrnehmungsschwelle des demokratischen Meinungsstreits gut einrichten. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 756 – 766]

 

Schindler, Danny: Parlamentarisches Führungspersonal aus Sicht der Abgeordneten: Die askriptive Macht der Fraktionsvorsitzenden im Deutschen Bundestag.

Obwohl sie an der Spitze der wichtigsten Handlungseinheiten im Deutschen Bundestag stehen, wurde den Fraktionsvorsitzenden und ihren Steuerungsmöglichkeiten im Führungsprozess bisher erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Vor diesem Hintergrund wird untersucht, welche Macht Bundestagsabgeordnete dem Vorsitzendenamt zuschreiben. Die Befragung von Parlamentariern ist nicht nur aufschlussreich, weil diese Innenansichten zu von außen kaum durchschaubaren Machtphänomenen liefern. Als soziales Konstrukt können Machtzuschreibungen auch selbst eine Steuerungsressource für die Vorsitzenden darstellen, wenn sie zu antizipatorischen Anpassungen im Abgeordnetenverhalten führen. Es zeigt sich, dass der Fraktionsvorsitz unabhängig von Kriterien wie Regierungsstatus, Vorstandszugehörigkeit oder Seniorität als machtvolle Positionsrolle angesehen wird. Zudem bestätigen Amtsinhaber die Sichtweise der Geführten. Aus den Befunden zur askriptiven Macht der Fraktionsvorsitzenden lassen sich zahlreiche weitere Forschungsbedarfe ableiten. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 767 – 777]

 

Siefken, Sven T.: Plenum im Kleinen oder Ort der Verhandlung? Verständnisse und Forschungsbedarf zu den Fachausschüssen des Deutschen Bundestages.

Die Fachausschüsse des Bundestages werden häufig als der Ort angesehen, an dem die eigentliche Arbeit des Parlaments stattfindet. Es überrascht daher, dass sie bislang in der empirischen Politikwissenschaft nur wenig untersucht wurden. Dies hängt auch mit ihrer Arbeitsweise zusammen, die grundsätzlich nicht-öffentlich ist. Indem die Bedeutung der Ausschüsse entlang der Phasen des Policy-Cycle diskutiert wird, werden zahlreiche Ansatzpunkte für vertiefende Untersuchungen verdeutlicht. Ein verbesserter Datenzugang und neuen Analysemethoden werden diese erleichtern. Die Fachausschüsse haben im gesamten Verlauf politischer Entscheidungsprozesse eine große Bedeutung, jedoch nicht als Akteur oder Arena, sondern indem sie als Institutionen die grundsätzliche Strukturierung der Arbeitsteilung hervorbringen. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 777 – 792]

 

Schmidt-JortzigEdzard H.: Parlamentarismus im Zeitalter der Neuen Medien – oder: Digitalisierter Parlamentarismus.

Die Digitalisierung des Kommunikationsgeschehens macht auch vor dem Parlament und seiner Bestimmung nicht Halt. Das gilt nicht nur für seine Arbeitsbedingungen, sondern vor allem für seine Wirkungsweise. Können schon Authentizität und Aktualität der institutionellen Themenbefassung sowie Integrität und Selbstverständnis der Abgeordneten leiden, so gilt das erst recht für den notwendigen parlamentarisch-demokratischen Prozess. Der Informationsauftrag des Parlaments wird anfälliger, die Diskursmodalitäten können verrohen, und die parlamentarischen Problemlösungen müssen sich gegen Vereinfachungstendenzen behaupten. Auf jeden Fall werden sich Zielfeld, Rahmenwerk und Resonanzboden für den Parlamentarismus verändern. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 793 – 798]

 

KrauseJoachim: Alle reden davon und keiner weiß, was es ist? Perspektiven für die Analyse und Gestaltung parlamentarischer Kontrolle.

Parlamentarische Kontrolle der Regierung gilt als ein wichtiges Element heutigen Demokratieverständnisses. Der Beitrag stellt diese Prämisse in Frage. Anhand einer Auseinandersetzung mit zentralen Thesen der realistischen Demokratietheorie und der Policy-Forschung gelangt er zu dem Ergebnis, dass die Kontrolle der Regierung durch das Parlament als Gesamtorgan nicht zur Systematik parlamentarischer Regierungssysteme passt. Die ansonsten in der Forschung verwendeten Kontrollbegriffe bilden weitgehend Spielregeln des politischen Wettbewerbs unter Parteien ab, sind im engeren Sinne aber keine Kontrollen. Tatsächlich muss parlamentarische Kontrolle unter dem Aspekt der Kontrolle der staatlichen Machtapparate, der Wahrung von Freiheit und der Kontrolle politischer Debatten neu konzipiert werden. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 799 – 814]

 

LhottaRoland: Parlamentssouveränität und Verfassungswandel im Vereinigten Königreich: Von Zombies, Richtern und konstitutionellen Leitideen.

Der in Großbritannien schon seit den 1970er Jahren einsetzende und durch die Verfassungsreformen unter Tony Blairintensivierte Verfassungswandel hat vormals unverrückbare Verfassungsgrundsätze wie die Parlamentssouveränität erodiert. Ergebnis dieses inkohärenten Verfassungswandels ist eine dystopische Situation, die im Brexit ihren vorläufigen Kulminationspunkt findet. Die vormals „politische“ Verfassung verschiebt sich zu einer „legal constitution“, in der die Gewaltenteilung neu austariert und neue konstitutionelle Leitideen vor allem von der englischen Richterschaft ins Spiel gebracht werden. Dabei wird zunehmend ein von den Richtern aktivierter „Common Law Constitutionalism“ virulent, in dem konstitutionelle Schutzgüter aus Europarecht und EMRK als dem Common Law seit jeher immanent ausbuchstabiert werden. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 814 – 826]

 

KolkmannMichael: „Checks and balances“ unter Druck? Eine erste Einschätzung der Präsidentschaft Donald Trumps.

Seit der Wahl von Donald Trumpsteht das amerikanische System der „checks and balances“ vor einer Bewährungsprobe. Ohne vorherige politische Erfahrung geht Trumpdaran, wesentliche Errungenschaften seines Vorgängers Barack Obamazurückzunehmen und seine politische Agenda durchzusetzen. Der Beitrag thematisiert die Handlungsmöglichkeiten und -restriktionen des amerikanischen Präsidenten – gerade gegenüber dem US-Kongress. Konnte Trumpsich in seinen ersten beiden Amtsjahren auf ein „unified government“, also Mehrheiten der eigenen Republikanischen Partei auf Capitol Hill, stützen, so muss er seit den Zwischenwahlen vom November 2018 mit Demokraten im Repräsentantenhaus sowie Republikanern im Senat („divided government“) regieren. Zugleich scheint sich die aktuelle amerikanische Politik als so polarisiert darzustellen wie noch nie zuvor. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 827 – 837]

 

KühneJörg-Detlef: Außenpolitik als parlamentarisches Minderterrain – am Beispiel des ostpolitischen Attentismus der Adenauerzeit.

Zwischen der bald 100jährigen Annahme des Versailler Friedens in der Weimarer Nationalversammlung und dem derzeitigen Ringen um das Brexit-Abkommen im Londoner Unterhaus geht es vorliegend um eine ähnliches gravierendes Problem, das für den Deutschen Bundestag in den 1950er Jahren virulent war. Es drehte sich um die Wahrung zumindest von Teilen des bis 1945 unbestritten deutschen Staatsgebiets jenseits von Oder und Neiße und berührte mithin ein Kernelement von Staatlichkeit. Unter Heranziehung von deutsch-polnischen Geheimverhandlungen zeigt sich, dass der parlamentarische Informationsstand gegenüber dem der Bundesregierung deutlich abfiel. Auch deswegen hat der Bundestag, bei gleichzeitiger internationaler Erosion der deutschen Position durch Zeitablauf, die Entscheidungsqualität seines Zuwartens nicht ausreichend begriffen. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 838 – 854]

 

OberreuterHeinrich: Notstandsverfassung 1968: Die Kompetenz des Parlaments und die Blamage seiner Gegner.

Nach der Gesetzgebung von 1968 ist der Ausnahmezustand nicht mehr die Stunde der Exekutive und einer konstitutionellen Diktatur, die parlamentarisch-rechtsstaatliche Strukturen aussetzt. Zu deren Verteidigung hat der Bundestag gesetzgeberische Kompetenz und Autonomie gegenüber der Regierung bewiesen und wie nie zuvor versucht, die Öffentlichkeit einzubinden. Die Gegner des Projekts erwiesen sich einesteils als uninformiert über den Stand der parlamentarischen Diskussion, andernteils formierten sich die radikalen Protagonisten manipulativ zu einer Gegenöffentlichkeit mit der Intention, das politische System zu überwinden. Mit der Verabschiedung brach nicht, wie prognostiziert, die Demokratie zusammen, sondern deren Herausforderung durch ihre Gegner. Dieses Verfahren der Notstandsgesetzgebung gibt Einblicke in die Struktur innerparlamentarischer Willensbildung und ihre Verzahnung mit der öffentlichen Diskussion. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 855 – 870]

 

DobnerPetra und Torben Fischer: Versagen, Fiasko, Katastrophe! Schritte zu einem Forschungskonzept über politische Fehler.

Obwohl der Begriff des „Fehlers“ in Urteilen über politisches Handeln regelmäßig und mit großer Selbstverständlichkeit verwendet wird, hat die Politikwissenschaft bislang keinen substanziellen Fehlerbegriff entwickelt. Durch eine mehrstufige Bestandsaufnahme kann ein holistischer und ein policy-orientierter Staatsfehlerbegriffs rekonstruiert und in Beziehung zum gegenwärtigen Forschungsstand gesetzt werden. Dabei zeigt ich, dass ein analytischer Begriff politischer Fehler bislang allenfalls rudimentär entwickelt wurde. Den hierfür epistemologisch und konzeptionell zugrundeliegenden Herausforderungen steht jedoch der Mehrwert einer Entdramatisierung der politologischen Analyse und einer analytischen Scharfstellung der akteur- und institutionenbezogenen Ursachen und Effekte von Fehlern in politischen Prozessen gegenüber. Ausgehend von diesen Überlegungen zu den Schwierigkeiten und dem Nutzen eines analytischen Fehlerbegriffs, werden abschließend entlang von vier Themenfeldern Anknüpfungspunkte für die zukünftige Forschung formuliert. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 870 – 884]

 

PatzeltWerner J.: Mängel in der Responsivität oder Störungen in der Kommunikation? Deutschlands Repräsentationslücke und die AfD.

In diesem Beitrag wird anhand von Umfragedaten aus dem April 2018 der empirische Nachweis geführt, dass die AfD in einer von einem nennenswerten Teil der Wahlbevölkerung wahrgenommenen Repräsentationslücke entstanden ist. Ferner wird gezeigt, in welchen Dimensionen die Kommunikation zwischen Volk und Volkvertretern tiefgreifend gestört ist. Daraus lassen sich Maßnahmen zu Verbesserung unserer repräsentativen Demokratie und zur Abwehr eines weiteren Aufstiegs von Populismus ableiten. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 885 – 895]

 

Niedermayer, Oskar: Die AfD in den Parlamenten der Länder, des Bundes und der EU. Bipolarität im Selbstverständnis und im Verhalten.

Die AfD ist in den fünf Jahren seit ihrer Gründung in alle 16 Landtage, in das Europäische Parlament und in den Bundestag eingezogen. Die Bilanz ihrer parlamentarischen Repräsentation fällt sehr unterschiedlich aus. Im Europäischen Parlament führten die inhaltlichen und personellen Auseinandersetzungen der Bundes-AfD zur Abspaltung des größten Teils der AfD-Gruppe und schließlich zur völligen Marginalisierung der AfD-Präsenz. In vielen der 14 Landtage sind Auseinandersetzungen zwischen Vertretern des rechtsnationalen und des völkisch-nationalistischen Flügels zu beobachten, die zu Austritten, Ausschlüssen, Fraktionswechseln und Fraktionsspaltungen geführt haben. Die ideologische Bipolarität führt auch zu unterschiedlichen strategischen Grundorientierungen, die man als parlamentsorientiert und bewegungsorientiert bezeichnen kann. Dies erschwert die Reaktion der anderen Fraktionen auf die neue Konkurrenz, die – mit unterschiedlicher Gewichtung – von Ignorierung über Ausgrenzung und inhaltlicher Auseinandersetzung bis hin zu eng begrenzter und temporärer Kooperation reicht. Auch im Bundestag zeigen sich erste Ansätze der beiden strategischen Grundorientierungen der AfD, und die anderen Fraktionen bewegen sich von anfänglichen Ausgrenzungsstrategien und moralischer Empörung hin zur sachlichen Auseinandersetzung, die der AfD die gerne eingenommene Opferrolle verwehrt. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 896 – 908]

 

GabrielOscar W.: Untergräbt die Kritik an Politikern das Vertrauen in die demokratischen Institutionen?

Eine Balance zwischen Vertrauen und Kritik gehört zu den wichtigsten Merkmalen einer Demokratie. Vor dem Hintergrund dieser normativen Annahme geht der Beitrag der Frage nach, ob und in welchem Maße die dauerhaft negative Einstellung der deutschen Bevölkerung zu den Politikern das Vertrauen zu den Institutionen der repräsentativen Demokratie beeinträchtigt. Bei der empirischen Analyse wird zwischen den Einstellungen zur Gruppe der Politiker und zu zwei deutschen Spitzenpolitikern,Angela Merkelund Sigmar Gabriel, als möglicher Quelle von Spillover-Effekten auf das Institutionenvertrauen unterschieden. Ausweislich der empirischen Befunde spielt die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit der Politiker als Gruppe und der Regierungschefin die wichtigste Rolle dafür, ob die Menschen dem Parlament und der Regierung vertrauen. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 909 – 918]

 

HöhneBenjaminEngagement beugt Politikverdrossenheit (nicht immer) vor: Demokratievertrauen und Parlamentszufriedenheit von aktiven Parteimitgliedern.

In der Einstellungs- und Partizipationsforschung wird argumentiert, dass politisches Engagement politischer Verdrossenheit entgegenwirken kann. Jedoch sind die Beziehungen zwischen der Handlungs- und Einstellungsebene kompliziert, vor allem aufgrund von uneinheitlichen Kausalbeziehungen und deren Wirkungsrichtungen sowie multiple Wechselwirkungen. Im Beitrag werden Zusammenhänge politischer Partizipation einerseits und politischer Unterstützung auf der Einstellungsdimension andererseits anhand einer Befragung von aktiven Mitgliedern aller sieben Bundestagsparteien im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 multivariat analysiert. Im Ergebnis zeigt sich unter anderem, dass links und rechts des politischen Spektrums konventionelles Engagement in einer Partei mit systemkritischen Einstellungen einhergeht und diese damit ein systemadäquates Ventil zu ihrer Artikulation finden. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 919 – 932]

 

LammertNorbert: „Parteipolitik ist nicht schön, die Beschäftigung mit ihr aber eine Pflicht“ – Zehn Bemerkungen zur Parteiendemokratie.

Das gegenwärtige Bild, das sich von der deutschen Parteiendemokratie zeichnen lässt ist diffus: Einerseits steigt die Wahlbeteiligung und die Zahl von Parteimitgliedern seit einiger Zeit wieder. Andererseits lässt sich nur schwerlich behaupten, dass sich die Parteien auf dem Höhepunkt ihres öffentlichen Ansehens befänden. Nicht zum ersten Mal stellt sich die Frage nach der Relevanz von Parteien. Zu dem beinahe enzyklopädischen Thema Parteiendemokratie beziehungsweise dem Ansehen von Parteien, den Einwänden gegen sowie Erwartungen an und Perspektiven von Parteien werden zehn Bemerkungen gemacht. Die Erfolgsgeschichte der zweiten deutschen Demokratie ist trotz aller Kritik und Probleme nicht zuletzt auch den Parteien zu verdanken. Sie sind immer noch die wichtigsten Transmissionsriemen gesellschaftlicher Veränderungen in politisches Handeln. Parteien müssen sich daher als lebendige Membranen begreifen, die Veränderungen vermitteln – in beide Richtungen. Für ihre Leistungen verdienen sie mehr Anerkennung, als das in der Öffentlichkeit meist geschieht. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 933 – 939]

 

JunUwe: Direkte innerparteiliche Demokratie in der parlamentarischen Demokratie: Das Beispiel der Mitgliederpartei SPD.

Parlamentarische Demokratien können in aller Regel als Parteiendemokratien charakterisiert werden, da Parteien in vielerlei Hinsicht als zentrale Akteure der politischen Willensbildung, der Rekrutierung von Amts- und Mandatsträgern und bei der Ausübung von Macht sind. Innerparteiliche Demokratie trägt dabei zur Stabilität und Legitimation von demokratischen Prozessen insgesamt bei. In jüngster Vergangenheit lassen sich bei vielen Parteien vermehrt Anstrengungen zur Einführung von basisdemokratischen Elementen finden. Der Beitrag diskutiert am Beispiel der SPD die Möglichkeiten und Grenzen von direkter Demokratie in Parteien und zeigt auf, dass trotz der medial mit großer Aufmerksamkeit verfolgten Mitgliederentscheiden zur Koalitionspolitik der Partei die SPD weiterhin als gremienbasierte Mitgliederpartei des elektoralen Modells zu gelten hat, die nur gelegentlich und erratisch auf basisdemokratische Verfahren zurückgreift. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 940 – 950]

 

PetrikAndreas: „Also da ist im Bundestag vielleicht ein bisschen weniger Demokratie als bei uns in der Klasse“. Reflexionen einer 9. Gymnasialklasse über ihre Bundestagssimulation im Rahmen einer fiktiven Dorfgründung.

Eine zentrale Frage der Politikdidaktik lautet, wie Politikverdrossenheit als „Entparlamentarisierung von unten“ abzubauen sei. Wie lässt sich die gestiegene Partizipationslust für eine wertschätzende Haltung zum Parlamentarismus nutzen? Eine Antwort darauf ist die Dorfgründungssimulation, die Jugendliche eigene und fremde politische Werthaltungen entdecken, begründen und aushandeln lässt. In einer 9. Gymnasialklasse wurde am Ende ihrer Dorfgründung statt der üblichen Talkshow eine Bundestagsdebatte simuliert, um die Verfahrensebene zu fokussieren. Der anschließende Vergleich der Entscheidungsprozesse im simulierten Dorf und im simulierten Staat regt die Schülerinnen und Schüler dazu an, kontrovers über die zentralen demokratischen Konzepte Pluralismus, Legitimität und Effizienz zu diskutieren. Zugleich sind einige Jugendliche abgeschreckt vom strengen Regelwerk der Bundestagsdebatten. Welche didaktischen Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen? [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 951 – 961]

 

CarstensenFranziska, Alexander Kühne und Marcus Wittig: Interdisziplinär und praxisrelevant. Die Themen der Zeitschrift für Parlamentsfragen seit 1969.

Die Erfassung der Themen der ZParl als „Spiegel“ der Parlamentarismusforschung ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Als Ergebnisse können festgehalten werden: (1) Es dominieren Analysen der Verursachungsformen parlamentarischer Praxis (Kontextfaktoren), gefolgt von Beiträgen zu parlamentarischen Funktionen und Strukturen sowie Abgeordneten. (2) Neben Dauerbrennern wie Partei- und Landtagswahlanalysen oder Urteilsbesprechungen werden immer auch aktuelle Entwicklungen aufgegriffen. (3) Bei den geographischen Schwerpunkten und behandelten Ebenen lässt sich ein Fokus auf den Bundestag und die deutschen Landesparlamente konstatieren. (4) Die ZParl ist interdisziplinär, die Parlamentarismusforschung wird hier insbesondere verbunden mit Wahl-, Parteien- und Föderalismusforschung sowie der Rechtswissenschaft. Insgesamt zeigt die Analyse, wo es Schwerpunkte in der Forschung gibt und wo Raum für weitere Untersuchungen bleibt. [ZParl, 49. Jg. (2018), H. 4, S. 961 – 979]

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